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Auszug eines Artikels über wurzelechte Obstbäume, die aus Samen gezogen wurden, aus:

Wochenschrift des Vereines zur Beförderung des Gartenbaues
in den Königlich Preussischen Staaten für Gärtnerei und Pflanzenkunde.
Redigirt von dem General-Sekretair des Vereines. Professor Dr. Karl Koch
No. 19, Berlin, den 10. Mai 1862, Seite 150-152


Allerlei Gedanken über Obstbaumzucht.
Briefliche Mittheilung,
vom Pfarrer Fischer in Kaaden (im Saazer Kreise).
Ich wage hier noch einen Vorschlag, welcher
jeder Gegend gute Dienste leisten könnte und 
dessen Ausführung die leichteste von der Welt ist.

Seit einigen Jahren wendete ich meine 
Aufmerksamkeit dahin, um zu erfahren, was wohl aus
Sämlingen, ohne alle Veredlung aufgezogen, 
werden könne.

Das Eine steht fest, dass daraus kräftige, schöne,
tragbare Bäume werden. Die Franzosen ziehen schon
viele edle Pflaumen aus blossem Samen fort und
erhalten dieselbe Sorte. Sie sagen, aus Samen 
erhalte man Bäume, aus Ausläufern Bäumlein; denn
bereits pflanzt man Pflaumen auch durch Ausläufer
fort, zu denen man sie nöthigte. In Triest erzieht
man Pfirsichen, in Bayern Aprikosen aus blossen
Samen, ohne Veredlung, ja es gibt Aprikosensorten, 
welche sich durch ihre Samen fortpflanzen.
Beispiele davon finden sich in allen Ländern. In
meiner Gegend gibt es Ortschaften, welche einen
starken Handel mit Kirschen treiben, welche bloss
aus Samen entstanden sind. Die Bäume sind wahre
Riesen, fruchtbar und tragen Früchte, mit denen
man recht zufrieden sein kann. Sie würden noch
schneller und zu einem weit besseren Ziele gelangen, 
wenn man Baumschulen mit kräftiger Erde
anlegte und nur Samen von den besten Früchten
anbaute; aber man setzt den alten Schlendrian
fort und greift nach Stämmchen, welche man 
zufälliger Weise irgendwo in einer Hecke aufgewachsen 
vorfindet.

Ich wendete nun meine Aufmerksamkeit auf
Birn- und Apfelbäume und habe an diesen die 
interessantesten Erfahrungen gemacht, welche ein 
ganzes Buch anfüllen würden, wenn ich sie alle 
beschreiben wollte. Unzählig sind die Fälle, wo ich
entdeckte, dass der Wildling bessere Früchte 
getragen hat, als das darauf gesetzte Reis. Ist dies
auch eine Veredlung zu nennen? Zwei Fälle sind
mir bekannt, wo einige wilde Zweige neben dem
aufgesetzten Borsdorfer-Edelreis fortwuchsen und
Früchte trugen, welche, wenn nicht besser, doch
eben so gut als der Borsdorfer-Apfel waren. Bei
einem Bürger trieb ein Baum mit Beurrégris 
unter der Veredlungsstelle frische Zweige; ich bat ihn,
diese gehen zu lassen. Sie trugen bald Früchte,
welche so gut waren, dass der Bürger die Beurrégris 
abwarf. Bei einem Kaufmanne rettete ich in
seinem grossen Garten den einzigen Birnbaum mit
einer klassischen Form vor Veredlung. Er war
vielleicht 15 Jahre alt und noch ein Wildling. Er
trug kurz darauf seine ersten Früchte. Der 
Kaufmann dankte mir sehr dafür, denn der Baum trug
eine ganz unbekannte, also neue, aber ziemlich 
grosse und delikate Birn. So fand ich die 
köstliche Beurréblanc nur von Samen aufgezogen.

Ich frage, wo sind denn die vielen Spielarten
von manchen Obstsorten her? Von Borsdorfer-
Spielarten kenne ich wohl gegen 20, vom Malvasier-Apfel
vielleicht gegen 5, von den Weinlingen 4. Bojé
hat auf seiner Reise durch Böhmen im Jahre 1861
so viele verschiedene Beurréblanc zu Gesichte 
bekommen, dass er in Verwunderung gerieth. Diese
Spielarten sind ganz konstant, wenigstens jene,
welche ich kenne. Ich kann mir die Entstehung
dieser Spielarten nur aus dem Samen ohne 
Veredlung erklären.

Wir haben noch nicht durch und durch zur
Würdigung gebracht, dass alle die vielen Tausende
von Obstsorten, welche unsere pomologischen Werke
füllen, aus Samen entstanden sind. Es gibt 
vielleicht noch viele Tausende in aller Herrn Länder,
von denen sehr viele eben von dem Adel sind, als
jene, welche gewürdigt worden sind, pomologisch
registrirt zu werden. In meiner Gegend gibt es
nicht wenige Sorten, welche kein Buch nennt, die
aber sehr brauchbar sind und im Handel gesucht
werden. Die Gebirgsleute haben sich ihre meisten
Sorten, zum wenigsten was Aepfel und Birnen 
betrifft, selbst erzogen. Wie viele edle Sorten mögen
mit dem ersten Baum, der sie trug, wieder ab- und
ausgestorben sein? Ich habe davon viel erzählen
hören, und könnte hier ganz verbürgte Wunderdinge 
nacherzählen. Aber dieses Alles verschwindet
gegen die Millionen edeler Sorten, welche das 
Messer durch Veredlung mordete. Von dieser 

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Wahrheit habe ich mich durch meine bisherigen 
Forschungen überzeugt.

Wir sollten nur die Versuche wagen und 
hoffnungsvolle Wildlinge bis zum Fruchttragen 
fortwachsen lassen; wir würden uns überzeugen, dass
die Natur uns nicht sehr selten mit neuen edeln 
Obstsorten beschenkt. Vielleicht würden wir selbst zu
dem Glauben gelangen, dass es möglich sei, aus
dem Samen einer jeden guten Sorte wieder eine
edlere brauchbare Sorte zu erhalten, so dass es
möglich werde, die Sorten selbst nach und nach
dahin zu bringen, dass sie konstant aus ihren 
Samen sich fortpflanzen. Diesen letzteren Glauben
für die Zukunft lasse ich mir nicht rauben; 
vielleicht werden wir zur Fortpflanzung durch den
Samen sogar gedrängt werden.

Damit wir bei Erziehung von Sämlingen desto
mehr Hoffnung auf eine bessere Frucht auch ohne
Veredlung erhalten, haben wir nichts Anderes zu
thun, als den Samen von den besten Sorten zu
wählen und die daraus entstandenen Pflanzen so
zu ziehen, wie ich es weiter oben angegeben habe.

Wenn es wahrscheinlich ist, dass manche von
unsern aus Samen von wildem Obste so nachlässig
erzogenen Wildlingen dennoch brauchbares, ja edles
Obst zu tragen im Stande sind, um wie viel eher
und mehr wird dieses der Fall sein, wenn wir den
Samen von dem besten Obste dem kräftigsten 
Boden anvertrauen und den daraus entstehenden Pflanzen 
die sorgfältigste Pflege angedeihen lassen! In
4 bis 6 Jahren werden wir ein Stämmchen zum
Versetzen in's Freie erhalten, das von Gesundheit
und Ueppigkeit strotzt.

Nimmt man bei der Erziehung nur nach und
nach die Seitenzweige von unten nach oben weg
oder biegt die zu lang werdenden vorher etwas ein,
dann wird man auch keines Pfahles bedürfen. Ich
habe dergleichen Wildlinge sehr viele gesehen. Man
verkaufte und kaufte sie als wirklich veredelte 
Bäumchen, ohne dass sie es waren. Ein solch' schönes
Ansehen hatten sie gehabt, dass man beleidigt
hätte, würde man sie Wildlinge genannt haben.

Man missverstehe mich nicht, als wäre ich der
Meinung, man solle die bisherige Methode der
Fortpflanzung edlerer Sorten durch die gewöhnliche
Veredlung ganz bei Seite setzen. Nein, man behalte
bei, was gut ist und schütte das Kind nicht mit
dem Bade aus. Mein Rath geht nur dahin, neben
der bisherigen Fortpflanzungsmethode auch 
Wildlinge emporwachsen zu lassen, ohne alle Veredlung.
Wir werden davon die allerbesten Folgen sehen;
und zwar werden wir :

1) Bäume aus einem Stücke bekommen. 
Unsere veredelten Bäume bestehen aus 2 Stücken.
Dies ist für sie eben ein Uebelstand. An der 
Veredlungsstelle entsteht eine Verknorpelung, welche
die Zirkulation des Saftes hemmt und oft 
Veranlassung zu Wunden und Krankheiten gibt. Darum
wächst der unveredelte Baum zu einer bedeutenderen
Grösse heran, ist kräftiger, gesunder und hat
ein längeres Leben. Er trägt wohl erst später
Früchte, aber dann desto mehr und desto länger.

2) Wir erhalten dadurch Bäume, die, weil sie
vom Samen an, an Boden und Klima gewohnt, so
recht für die Gegend passen, daher weniger 
empfindlich sind gegen die Ungunst der Witterung.

3) Der gegenwärtig so stark gewordene Ersatz,
der von 3 bis auf 9-10 pCt gestiegen ist und
mit vielen Auslagen verbunden ist, wird wieder
zurücksinken.

4) Wir werden weit weniger Obstbäume 
bedürfen, um dieselbe Quantität Obst zu erzeugen.

5) Wir werden weit weniger obstarme Jahre
erleben.

6) Sollten unter den ohne Veredlung aufgezogenen 
Bäumen einige Früchte tragen, welche weniger 
oder gar nicht brauchbar sind; so steht es
immer noch in unserer Macht, sie mit einer besseren 
Obstsorte zu veredeln.

7) Es ist aber nicht zu zweifeln, dass die 
meisten dieser ohne Veredlung aufgewachsenen 
Obstsorten für den Landwirth recht brauchbare und
mitunter auch edlere Sorten liefern werden. Die
minder edeln Sorten werden sich immer noch zu
Dörrobst, zu Obstwein und Obstessig sehr gut 
verwenden lassen.

8) Was die im Handel gangbaren Sorten 
anbelangt, so habe ich die Erfahrung gemacht, dass
man nicht so sehr nach den edelsten und theuersten 
Sorten greift, sondern dass mehr die wohlfeileren, 
minder edeln Sorten gesucht werden. Sie
sind in der Regel weit tragbarer, können daher
billiger gegeben werden, auch sind sie grösstentheils
transportabler.

9) Es werden dadurch 2 Hauptzwecke erreicht
werden, nach denen die Obstbaumzucht streben
muss. Die Obstbaumzucht wird rentabler werden
und der Obstbaum wird durch seine Grösse, Kraft
und Gesundheit eine ländliche Zierde werden.

In meiner Gegend ist in einer grossen 
Baumschule der Anfang dazu gemacht worden. Es 
versteht sich von selbst, dass die gewöhnliche 
Fortpflanzungsmethode durch Veredlung fortgeführt 
werden wird. Es wäre die grösste Thorheit, wenn man
das anerkannt Gute und Bewährte nicht beibehalten
würde.

In dem Erzgebirge hat man schon längst auf
diese Weise die passenden Obstsorten erzogen. Man
hat hier den Glauben, dass aus den Samenkernen
von demjenigen Obste, welches am heiligen 

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Christabende genossen wird, Bäume entstehen, welche
ohne Veredlung brauchbare Sorten liefern. 
Desswegen sammelt man diese Kerne sorgfältig und baut
sie gewiss im besten Boden an. So hat man alle
die Spielarten von Weinlingen (Aepfeln) erhalten,
an denen das Gebirge so reich ist und welche bis
zur Obstbaumgrenze hinauf gedeihen.

Wollen rauhere Gegenden in der Obstbaumzucht 
etwas leisten, so kann ich ihnen nur den
voranstehenden Rath ertheilen. Sie mögen sich ihre
Wildlinge aus dem Samen von den besten 
Obstsorten selbst ziehen und es der Natur überlassen,
was sie ihnen als Geschenk geben wollen. Die
Natur weiss am Besten, was überall hingehört und
gibt jeder Gegend das Ihrige, wenn der Mensch
nur dazu behülflich ist.